Wenn die Eltern an ihren Karrieren arbeiten, während sie Kinder erziehen, prägt das die Kinder. Erstens entstehen Rollenbilder, die Arbeit als selbstverständlichen, wertgeschätzten Teil des Lebens verstehen. Zweitens lernen Kinder die vielen kleinen Gewohnheiten in der entsprechenden Arbeitsgewohnheit sofort mit. Angefangen bei einem bestimmten Sprachstil über zb Antwortverhalten, Abläufe von Meetings und Geschäftsessen und -reisen. Wenn diese Dinge Themen im Alltag sind, findet automatisch auch der Wissenstransfer „wie geht das denn? Wie checkt man ein? Wer bezahlt wann für wen und mit wie viel Trinkgeld? Wann fährt man Taxi und wann U-Bahn?“ statt. Und letztlich bildet sich auch ein Netzwerk, das die Kinder lesen und nutzen können – und dessen Teil sie vielleicht heranwachsend auch schon werden.
Eltern als Vorbilder
Über Vorbilder reden wir meist, als wirkten sie durch Inspiration: Das Kind sieht, dass die Mutter arbeitet, findet es gut und macht es ihr nach. Das stimmt — aber es ist nur die sichtbare Schicht. Darunter geben zwei arbeitende Eltern etwas viel Konkreteres weiter, drei Formen von Kapital, die in keinem Zeugnis stehen und die trotzdem den Start ins Berufsleben mitbestimmen. Der unangenehme Teil daran: Nur eine dieser drei Formen ist einigermaßen gerecht verteilt. Die anderen beiden vererben nicht nur ein Vorbild, sondern eine Position.
Der Möglichkeitshorizont: Verstehen, was geht
Die Harvard-Forscherin Kathleen McGinn hat mit Kolleginnen Daten von über 100.000 Menschen in 29 Ländern ausgewertet. Der Befund ist robust: Töchter erwerbstätiger Mütter sind später selbst häufiger erwerbstätig, übernehmen häufiger Führungsverantwortung und verdienen im Schnitt mehr als Töchter von Müttern, die nicht erwerbstätig waren. Der Mechanismus ist nicht Erziehung im Sinne von Ermahnung, sondern soziales Lernen: Was man als Kind täglich sieht, wird zum Normalfall, zum Selbstverständlichen.
Das ist der Möglichkeitshorizont. Ein Kind, das aufwächst, während beide Eltern arbeiten, muss sich nicht erst mühsam vorstellen, dass eine Frau einen Beruf, ein Einkommen, eine Position haben kann. Es hat das nie anders gekannt. Die Frage „geht das überhaupt?“ stellt sich gar nicht erst, weil die vielen kleinen Aspekte des Alltags schon vertraut sind — und genau darin liegt der Vorsprung. You can’t be what you can’t see.
Warum wirkt das Vorbild der arbeitenden Mutter so stark?
Weil es nichts erklärt, sondern etwas zeigt. Ein Vortrag über weibliche Selbstverwirklichung überzeugt ein Kind nicht. Eine Mutter, die morgens aus dem Haus geht, zu tun hat, gebraucht wird und abends von ihrer Arbeit erzählt, überzeugt es, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Das Kind lernt nicht die These, sondern die Realität.
Parallel lernt es auch eine andere Selbstverständlichkeit bei der Verteilung von Verantwortung und Aufgaben in Haus und Hof. Dieses konkrete Wissen darum, dass der Alltag durchaus läuft und wie das im kleinsten Detail aussieht, ist so wichtig, um es später gut adaptieren zu können.
Demokratisch und doch Privilegien stützend
Dieser erste Aspekt ist der demokratischste der drei. McGinns Daten zeigen, dass der reine Effekt auf die spätere Erwerbstätigkeit der Töchter über die sozialen Schichten hinweg wirkt — unabhängig davon, ob die Mutter einen einfachen oder einen hoch qualifizierten Job hatte. Der Horizont weitet sich in fast jeder Familie, in der gearbeitet wird. Hier ist „beide arbeiten“ tatsächlich ein Gleichmacher.
Andererseits ist die Art, wie die Arbeitszeit in der Care- und Familienzeit kompensiert wird, sehr vielfältig und hier zeigen sich doch wieder soziale Unterschiede. In Niedriglohnbereichen versorgen die arbeitenden Eltern Haus und Familie nach der Arbeitszeit. Kinder kommen früh in Eigenverantwortung – vor allem für Bereiche wie lesen lernen, edukative Beschäftigung, Qualität der Hausaufgaben, Betreuung von Geschwistern. In Familien mit größeren finanziellen Möglichkeiten kommen externe Unterstützungspersonen in Frage. Von der Reinigungskraft über die Kinderbetreuung bis zur schulischen Nachhilfe und was die individuellen Möglichkeiten und Bedürfnisse so hergeben.
so unterschiedlich die Ausprägungen sind, so entscheidend ist es dennoch für den Möglichkeiten-Horizont von Kindern, ob sie einen oder beide Elternteile arbeiten sehen. Selbstermächtigung und das Aufstehen für die eigene Arbeit ist so viel wert.
Der stets präsente Lehrplan
Der Soziologe Pierre Bourdieu nannte es kulturelles Kapital und Habitus: die ungeschriebenen Regeln einer Welt, die man nicht in der Schule lernt, sondern nebenbei, zu Hause, am Abendtisch. Wie spricht man mit Vorgesetzten? Was ist ein üblicher Werdegang, was ein Rückschlag, den man einfach aussitzt? Wie geht man mit Fehlern um und macht trotzdem weiter? Wie verhandelt man ein Gehalt, ohne dass es peinlich wird? Wann ist eine Bewerbung selbstbewusst und wann anmaßend?
Kinder arbeitender Eltern hören diese Regeln jahrelang beiläufig mit. Am Abendtisch fällt, ganz ohne Absicht, ein kompletter Lehrplan über die Berufswelt — ihre Codes, ihre Selbstverständlichkeiten, ihre Fettnäpfchen. Wer damit aufwächst, betritt später einen Raum, dessen Regeln er schon kennt, und wirkt darin mühelos „passend“. Wer nicht damit aufwächst, muss dieselben Regeln erst entschlüsseln, oft unter Beobachtung, oft mit einer Unsicherheit auf einem Gebiet, das nicht Kern dessen ist. Wer einen wichtigen Termin hat, möchte sich inhaltlich fokussieren und nicht überlegen, wie ein Hotel-Checkin läuft. Dieses Gefühl, etwas falsch zu machen, das alle anderen offenbar von Geburt an wissen, bremst aus. Das ist kein Talentunterschied. Es ist ein Wissensvorsprung, der mit der inhaltlichen Souveränität und der fachlichen Kompetenz genau gar nichts zu tun hat.
Mit Beziehungen aufwachsen – in Beziehungen hineinwachsen
Ein gutes Netzwerk zu haben, bevor man es braucht, ist das handfesteste, was Eltern ihren Kindern mitgeben können. Manchmal hat es einen unromantischen Namen: Vitamin B. Ein großer Teil des Arbeitsmarktes läuft nicht über Stellenanzeigen, sondern über Kontakte. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erhebt das regelmäßig: Je nach Jahr ist die Suche über eigene Beschäftigte und persönliche Kontakte bei rund einem Viertel bis einem Drittel aller Neueinstellungen der entscheidende Weg — in kleinen Betrieben lag dieser Anteil zeitweise bei 47 Prozent. Ein erheblicher Teil aller Stellen wird also besetzt, bevor sie je öffentlich ausgeschrieben werden. Man nennt das den verdeckten Stellenmarkt.
Zu diesem verdeckten Markt hat man Zugang oder eben nicht — und der Zugang wird vererbt. Wessen Eltern beide im Berufsleben stehen, erbt nicht nur ein Vorbild, sondern ein Adressbuch: das Praktikum über einen Bekannten, den Tipp auf die Stelle, die nie inseriert wurde, das Telefonat, das eine Bewerbung von ganz unten nach ganz oben auf den Stapel hebt. Das ist das vererbte Vorzimmer. Man steht schon drin, während andere draußen klingeln.
Augenhöhe mit Entscheidern
Natürlich ist es auch in der Kommunikation mit den Menschen ein kompletter Unterschied, ob man von klein auf gewohnt ist, auf Augenhöhe mit Menschen umzugehen, die in bedeutenden Rollen wirken. Wer das von klein auf erleben durfte, bringt eine ganz andere Grundlage mit in die erste eigene berufliche Rolle. Die Person geht viel natürlicher mit den Menschen um, weil die Unsicherheiten, es vielleicht falsch zu machen, überschaubar klein sind. Man diskutiert souveräner, hat weniger Scheu und tritt stärker für die eigenen Punkte ein. Das kann man nicht in Sekunden lernen.
Der unbequeme Kern: nicht jedes Erbe ist demokratisch
Hier liegt der Punkt, der die schöne Geschichte vom „beide arbeiten ist gut für die Kinder“ als Ausgangspunkt unterschiedlicher Privilegiensituationen aufzeigt. Der erste Punkt, der Möglichkeitshorizont, ist über die Schichten hinweg ähnlich wirksam. Die beiden anderen sind es nicht. Kultureller Lehrplan und Netzwerk sind klassengeschichtet: Je höher die Eltern im Berufsleben stehen, desto wertvoller sind die Codes am Abendtisch und desto einflussreicher das vererbte Vorzimmer.
Man sieht es sogar in McGinns Zahlen selbst. Der Effekt auf die bloße Erwerbstätigkeit der Töchter gilt breit — aber der Zuwachs an Einkommen und Führungsverantwortung fällt vor allem den Töchtern von Müttern mit höherer Bildung und höher qualifizierten Jobs zu. Das Vorbild wirkt für fast alle. Die Rendite wirkt gestaffelt. Und das heißt: „Beide Eltern arbeiten“ verstärkt die vorhandene Position. In gut ausgestatteten Familien vergrößert es den Vorsprung; in weniger gut ausgestatteten öffnet es einen Horizont, aber ohne dieselbe Rendite. Ein Faktor, der wie ein Gleichmacher klingt, kann so die Ungleichheit vergrößern.
Die gläserne Decke ist zweischneidig
Besonders tückisch wird das Netzwerk an der Spitze. Dasselbe Vitamin B, das unten die Tür öffnet, filtert oben aus. Denn Netzwerke funktionieren über Homophilie — Menschen fördern bevorzugt Menschen, die ihnen ähnlich sind. Wer schon drinnen ist, sponsert die Nachrückenden, die aussehen und klingen wie man selbst.
Für den Aufstieg heißt das: Die entscheidenden Positionen werden seltener ausgeschrieben als die Einstiegsjobs und häufiger über Sponsorship vergeben — über einflussreiche Fürsprecher, die einen im richtigen Moment ins Gespräch bringen. Wer diese Fürsprecher nicht hat, sieht die Stelle erst, wenn die Neubesetzung kommuniziert wird. Dieselbe Mechanik, die einer gut vernetzten jungen Frau den ersten Job verschafft, kann einer anderen zehn Jahre später den Aufstieg verwehren. Vitamin B ist nicht nur ein Ticket. Es ist ein Filter, der in beide Richtungen wirkt.
Was heißt das denn für Söhne?
Bleibt der Teil, der über die Söhne läuft — und der schließt den Kreis. McGinns Daten zeigen nämlich noch etwas: Söhne erwerbstätiger Mütter übernehmen als Erwachsene mehr Sorgearbeit, verbringen mehr Zeit mit der Pflege von Familienmitgliedern, halten egalitärere Einstellungen. Der Zwei-Verdiener-Haushalt vererbt der Tochter einen Möglichkeitshorizont — und dem Sohn eine häusliche Kapazität.
Das ist der unsichtbarste Teil des unsichtbaren Lebenslaufs. Denn genau diese Kapazität ist die Voraussetzung für das, worüber diese Reihe von Anfang an spricht: für Männer, die zu Hause nicht nur Aufgaben abarbeiten, sondern Verantwortung tragen können. Co-Regulation, die Fähigkeit, Zustände gemeinsam zu halten, ist keine Frage der Veranlagung, sondern der Übung. Ein Sohn, der aufwächst und sieht, dass Sorge geteilt wird, lernt sie als seine an. Der arbeitende Haushalt produziert damit langfristig genau die Männer, die später Letztverantwortung übernehmen können — nicht durch Appell, sondern durch beiläufiges Lernen. Was am Abendtisch über die Berufswelt vererbt wird, wird am selben Tisch über das Zuhause vererbt.
Zwei Erbschaften, ein Tisch
Der Lebenslauf, den ein Kind vorlegt, beginnt also lange vor der ersten Bewerbung. Er wird zu Hause geschrieben, in einer Schrift, die niemand sieht — als Horizont dessen, was möglich scheint, als Wissen um die Regeln, als Zugang zu den Räumen, die keine Anzeige schalten. Zwei arbeitende Eltern geben all das weiter, und sie geben es ungleich weiter: das Vorbild fast allen, die Rendite den schon Begünstigten.
Wer daraus schließt, „beide arbeiten“ sei einfach gut, hat die Hälfte gelesen. Gleichzeitig ist es auch wichtig, Netzwerke zu öffnen für die, die hineinwollen. Denn von Menschen, die sich interessieren und die etwas bewegen wollen, profitieren auch die, die schon drin sind. Und wir sollten uns bewusst sein, dass es auch Privileg ist, unseren Kindern Zugänge weitergeben zu können.


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